Queerulant_in Ausgabe 6 (2013)

 

Das Lili Elbe Archiv – Inter, Trans, Queer Geschichte

Das Lili Elbe Archiv – Inter, Trans, Queer Geschichte Das Archiv ist eine moderne, unabhängige Dienstleistungseinrichtung für Öffentlichkeit, Forschung und Verwaltung, die einmalige Zeugnisse der älteren, neueren und neuesten deutschen sowie internationalen Geschichte nicht normativer Geschlechtlichkeiten als Archivgut sichert, zugänglich macht und sich als eine wichtige Ergänzung zu bereits bestehenden Archiven versteht.

 

Angefangen hat alles vor mehr als 10 Jahren. Eines der ersten Bücher war die Biographie von Lili Elbe - Ein Mensch wechselt sein Geschlecht. Eine Lebensbeichte von 1932 1,2 . Gewidmet ist ihr das Archiv, weil ihre Biografie etwas ganz besonderes darstellt. Sie zählte zu den ersten Menschen, die geschlechtsangleichende Operationen an sich vornehmen ließen und bezahlte es mit ihrem Leben. Ihr Leben verbindet auch die drei Aspekte Inter, Trans und Queer miteinander. Bis heute ist die Frage der Intersexualität bei ihr nicht abschließend geklärt und die queeren Aspekte ihres Lebens werden in den Werken von Lilis Frau, Gerda Wegener, bei denen sie oft gemalt worden ist, beschrieben. Beeindruckend ist auch, dass die beabsichtigte Veröffentlichung ihrer Biographie bereits eine Form von nicht-normativem, geschlechtspositivem Aktivismus darstellt.

 „Ich kämpfe gegen die Voreingenommenheit des Spießbürgers, der in mir ein Phänomen, eine Abnormität sucht. Wie ich jetzt bin, so bin ich eine ganz gewöhnliche Frau“ (S. 243)

Aus dem privaten Interesse an historischer Literatur zu inter-, transgeschlechtlichen und queeren Themen wurde mit der Zeit eine umfangreiche Sammlung.  Heute beläuft sich der Bestand des Archivs auf ca. 6000 Dokumente, Zeitschriften, Bücher, Journals, Dissertationen, Flyer, Fotografien, Interviews,  Jahrbücher, Fotobände, Ratgeber, Fragebogen,  audio-visuelle Medien etc. Die Zeitspanne, welche wir momentan abdecken, erstreckt sich von 1803 bis heute und wir arbeiten alle sehr engagiert daran und hoffen darauf in den nächsten Monaten diesen Zeitraum auf das 16 Jahrhundert ausweiten zu können.

Wer „Wir“ sind – Darum geht es im Archiv

Es bedeutet leider, dass noch nicht sehr viel Geschichte nicht-normativer Geschlechtlichkeiten bekannt ist und wenn etwas dazu veröffentlich wurde, dann meist von außenstehenden Personen. Es dreht sich oft um Magnus Hirschfeld 3,4 und dessen Ansicht über Transvestiten 5, die Ärzte, welche ihn umgaben und um Psychiatrie. Manchmal werden auch gerne die Versuche von Eugen Steinach 6 oder Ansichten von John Money 7 erwähnt. Dadurch gerieten die Biographien vieler historischer inter- und transgeschlechtlicher Personen zunehmend in Vergessenheit. Gleiches gilt für queere Lebensweisen, vor allem Veröffentlichungen zu Polyamorie und Asexualität. Uns ist es ein wichtiges Anliegen mit dem Archiv einzigartige Dokumente zu sammeln und eine Informationsbasis zu schaffen, die es den Menschen ermöglicht sich selbstbestimmt eine Vergangenheit zu geben. Wer „Wir“ sind ist auch eine Frage danach, wer „Wir“ waren. Während es Susan Stryker, Richard Ekins und andere schafften, in den USA, Kanada und England verschiedene Transgender-Archive und -Sammlungen aufzubauen, blieb diese Entwicklung in Deutschland bisher aus. Das wollen wir ändern.

How to work it – das nächste Jahr

 Wichtig ist es unseren Bestand auszubauen, angemessen zu restaurieren und zu katalogisieren. Ebenso wollen wir unsere Räumlichkeiten vergrößern, um dem wachsenden Bestand auch noch auf lange Sicht gerecht werden zu können. Momentan findet man uns mit einer Seite auf Facebook und eine Homepage, samt Bestandsübersicht und Suchfunktion, wird in nicht allzu ferner Zukunft folgen. Im nächsten Jahr stehen auch bereits einige fest geplante Einzelvorträge, Tagungen, Symposien und weitere Veranstaltungen an. Es bleibt also spannend und über unsere aktuellen Forschungsvorhaben halten wir auch gerne alle auf dem Laufenden.

1. Elbe, Lili: Ein Mensch wechselt sein Geschlecht. Eine Lebensbeichte. Aus den hinterlassenen Papieren herausgegeben von Niels Hoyer [d.i. Ludwig Harter Jacobson] Dresden, Reissner, 1932. - Erste dt. Ausgabe

2. Trauthwein, Niki: Kurzbiografie über Lili Elbe bei der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, online

3. Hirschfeld, Magnus: Sexualpathologie. Ein Lehrbuch für Ärzte und Studierende. Bonn, 1916—1920 4. Hirschfeld, Magnus: Geschlechtsübergänge Leipzig: Verlag der Monatsschrift für Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene, W. Malende, [1905]. 2. Aufl.: Verlag Max Spohr, Leipzig 1913

5. Hirschfeld, Magnus: Die Transvestiten: Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, mit umfangreichem kasuistischem und historischem Material. Verlag Alfred Pulvermacher, Berlin 1910

6. Steinach, Eugen: Willkürliche Umwandlung von Säugethier-Männchen in Tiere mit ausgeprägt weiblichen Geschlechtscharakteren und weiblicher Psyche. Eine Untersuchung über die Funktion der Pupertätsdrüsen, Pflüger's Arch., 144/ 3-4. - Bonn, Verlag von Martin Hager, 1912

7. Money, John: Sex Errors of the Body, Dilemmas, Education, Counseling, Baltimore, The Johns Hopkins Press, 1968