Psycho-Path

 

Transgender – Label und Pathologie

 Niki Trauthwein, Vorstandsvorsitzende
Lili Elbe Archiv – Forschungsstätte zur Inter, Trans und Queer Geschichte e.V.

Abstract: Seit der Entwicklung einer Psychopathologie von nicht-normativen Geschlechtlichkeiten, besteht ein fortwährender Protest gegen die psychiatrische Kategorisierung von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität und ihres Behrens. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der geschichtlichen und kulturellen Entwicklung von Modellen geschlechtlicher Identität innerhalb der Psychologie. Das Lili Elbe Archiv verfügt dabei über teils einmalige Zeugnisse der deutschen, sowie internationalen, Geschichte nicht-normativer Geschlechtlichkeiten als Archivgut.

Einleitung

 Bisher haben sexualwissenschaftliche Inhalte nur wenig Beachtung innerhalb des Studiums der Psychologie erfahren. Außerhalb von Einführungen in klinische Diagnostik 1 und der Vorstellung der Triebtheorie 2, sowie Siegmund Freuds eigener Sexualtheorie 3, finden sich weitergehende Beschäftigungen mit den Themen von Sexualität und Geschlecht nur äußerst selten in Vorlesungsverzeichnissen des Studiengangs der Psychologie. Obwohl in allen soziometrischen Daten das Geschlecht eine wichtige Rolle bei der Datenerhebung spielt und die Sozialpsychologie sich mit Gruppenprozessen und Identitätsbildung beschäftigt, findet die Sexualwissenschaft auch hier bestenfalls in ihrer Historizität eine Beachtung. Der Einfluss der Sexualwissenschaft auf andere Disziplinen ist trotz allem kein Geringer. Innerhalb akademischer Diskurse wird die Sexualwissenschaft in verschiedensten Veröffentlichungen abgehandelt, so bspw. in den Gender Studies, der Kulturwissenschaft, der Ethnologie und in Teilen der Philosophie. Ein Mangel an breiteren Debatten innerhalb der Psychologie, vor allem der mangelnde Praxisbezug, hat zur Folge, um es möglichst neutral auszudrücken, dass die Sexualpathologie keine positive Entwicklung darstellt. Deshalb ist es auch wichtig die historischen Fakten herauszuarbeiten, um zu begründen weshalb dies der Fall ist. Zuerst möchte ich jedoch sagen, dass ich keinerlei Voreingenommenheit oder Argumente habe, gegen das individuelle Bedürfnis eines Menschen innerhalb der gängigen Sexualpathologie Erklärungen für sich zu suchen. Es vollkommen in Ordnung, wenn Menschen in den Dogmen, Modellen, sowie dem Verhältnis von Macht und Kontrolle für sich eine Bedeutung, eine Erleichterung und Hilfe finden. Es wäre moralisch zweifelhaft einen Antagonismus gegen das individuelle Bedürfnis von Einklang mit sich selbst und der damit verbundenen Weise des Ausdrucks zu üben. Dies sind Grundsätze menschlicher Gemeinschaft und ein zugesichertes Recht 4 unseres Staates.

Diskurse und Diagnostik

Innerhalb der Epoche der Aufklärung entwickelten sich, angesichts der abnehmenden Nähe zu kirchlichen Erklärungsmodellen, intensive Debatten um Autonomie, Emanzipation und Naturrecht 5. Doch im Anschluss an diese Zeit entwickelten die ersten Sexologen, die überwiegend Chirurgen und Anatomen waren, die Ansicht, dass Kinder, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, man nannte sie Hermaphroditen oder Zwitter 6, bereits im Säuglingsalter operativ korrigiert werden müssen 7,8,9. Hierbei bezog man sich auf vorangegangene Arbeiten aus den Bereichen der Zoologie 10 und der allgemeinen Biologie 11. Mit den ansteigenden Möglichkeiten der Chirurgie weitete man die Operationen zunehmend aus. Die Praxis operativer Eingriffe zur eindeutigen Geschlechtsbestimmung wurden bis heute fast unverändert beibehalten 12. Es ist eine bemerkenswerte Praxis, dass neben den Theorien und Normierungen um das Aussehen von Genitalien bei Männern und Frauen, den Eltern von Kindern mit nicht normentsprechenden Genitalien mit einer risikoreichen, sogar schädlichen, Entwicklung derer droht 13, trotz nicht vorhandener Empirie für diese Behauptungen 14,15,16. Nicht zu vergessen ist hierbei auch der finanzielle Gewinn spezialisierter Kliniken und Mediziner dieser Bereicher. Es liegt folglich die Grundannahme vor, dass ein Mensch ein eindeutiges Geschlecht und einen medizinisch definierten Standard an Genitalien braucht, um bei der Entwicklung von Geschlechtsidentität männlich oder weiblich sein zu können und dies auch unbedingt eindeutig sein muss. Eine OP-Kostenrechnung kann also gemäß einem Chirurgen versichern, dass das Neugeborene ein Junge oder ein Mädchen sei und dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bleiben wird. Die Ironie darin ist klar ersichtlich, denn die Geschlechtsbestimmung bei Neugeborenen fundiert auf dem Prinzip der Unterwerfung von Geschlechtsmerkmalen unter die Möglichkeiten der Chirurgie. Extra ecclesiam nulla salus lässt sich hier als zitierte Abwandlung von Cyprian von Kathargo anführen, denn außerhalb des dogtrinischen Grundgedankens von männlich und weiblich in der Medizin, sowie in der Psychologie, gibt es kein Heil für den Menschen. Nicht nur bei der Grundannahme einer Pathologie von intersexuellen Menschen und der damit verbundenen Genitalverstümmelung, sondern auch für all die Transvestiten, Fetischisten, Transgeschlechtlichen und anderen nicht-normativen Geschlechtlichkeiten, die Opfer von Zwangskastration 17,18 und Psychochirurgie 19 wurden. Um nur ein paar der Folgen zu nennen. Es ist nichts, was ausschließlich und alleine in der Funktion von Medizin und Psychologie zu finden ist, aber die Etikettierung 20 von sexueller Geisteskrankheit bei Minderheiten 21, Kindern 22 und bildungsfernen Personenkreisen der Gesellschaft, inbesondere Frauen zu Beginn des 19 Jhd. 23,24, verdeutlicht die Ausübung von Macht über jene, die aus akademischen Diskursen ausgeschlossen werden. Man dürfte meinen, dass das alles Vergangenheit ist und nicht mehr passiert, aber es war erst 1967 als John Money das Geschlecht von Bruce Reimer operativ festlegte, was im Selbstmord von David Reimer im Alter von 38 Jahren endete. Trotzdem bekam John Money noch 2002 die Magnus-Hirschfeld-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, da er als einer der Begründer einer Gender-Theorie gefeiert wurde, die besagt, dass Geschlecht nur erlernt sei. Es ist selbstverständlich leicht zu behaupten, dass man es, vor allem bei Kindern, nicht besser gewusst hätte. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: „Charakteristisch ist, daß eine große Zahl dieser Eingriffe bei einer irrtümlichen Diagnose,.., sehr oft für das Leben des Patienten,…,deletäre, wenn nicht tödliche Folgen hatte. Dieser letzteren Fälle sind leider nicht wenige zu verzeichnen. Der größte Missbrauch wurde getrieben mit der Kastration von,..., Scheinzwittern. Oft war Melancholie, krankhafte Obesität etc. die Folge.“ (v. Franque, 1916) 26

Schlussfolgerung

Betrachtet man die historischen Biographien von betroffenen Personen 27, 28, 29, 30, dann lässt sich eine Pathologie nur schwer bestätigen. Es ist nichts Dysfunktionales, Anormales, Krankhaftes, Perverses oder moralisch Verwerfliches an dem Umstand, dass Menschen nach der Erfüllung ihrer sexuellen Orientierung, geschlechtlichen Identität, dem Ausdruck ihres Selbst oder Liebe und Anerkennung streben. Diese Dinge sind in unserer Gesellschaft auch niemals etwas Selbstverständliches, denn es bedarf einer Motivation und Anstrengung, einer Auseinandersetzung mit sich selbst und gesellschaftlichen Umständen, mit neuen Möglichkeiten und Räumen, wie es für alle Belange des Lebens in ähnlicher Weise gilt. Eine Stigmatisierung oder Viktimisierung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt führt in erster Linie zu Ergebnissen wie, dass 30- 40% der transgeschlechtlichen Menschen bei Bewerbungen wegen ihres Trans*-Seins nicht berücksichtigt werden, 15- 30% der transgeschlechtlichen Menschen wegen ihres Trans*-Seins ihre Arbeit verlieren und transgeschlechtliche Menschen überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit betroffen sind - bis zu 50% im Vergleich zu 5- 10% der Gesamtbevölkerung 31. Ebenso, wie Mobbing in der Schule, der Gebrauch von Schimpfwörter im Alltag und einer erhöhten Suizidalität bei betroffenen Jugendlichen 32, 33, 34. Schon der Aspekt, dass eine verhältnismäßig kleine Gruppen von Fachleuten innerhalb der Sexualwissenschaft grundlegende und allgemeingültige Definitionen der menschlichen Sexualität festlegt, welches ausschließlich auf Defizit-Modellen basiert, zeugt von einer in sich sexuell dysfunktionalen Betrachtungsweise. Noch zu Beginn des 19 Jhd. fanden sich unter den psychiatrischen Diagnosen Masturbation und Analismus, darauffolgend entwickelten sich Hysterie und Neurose. Es lässt vermuten, dass die Sexualpathologien für inter-, transgeschlechtliche und andere nicht-normativ geschlechtliche Menschen sich mit der Zeit auch wandeln werden, wahrscheinlich sogar entfallen. So lange jedoch die Sexualpathologie weiterhin über ein System nicht empirisch nachweisbarer Definitionen Kontrolle und Macht über Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen, wie der Zwangspsychotherapie bei Transsexualität 35, aufrechterhält, ist es vielen Menschen nicht möglich einen selbstbestimmten Umgang mit ihrer Sexualität und geschlechtlichen Identität zu leben. Es gibt für die Wissenschaft alle nur erdenklichen Möglichkeiten nach neuen Definitionen zu suchen, Grundannahmen zu hinterfragen oder tradierte Modelle zu revidieren. Die Sexualwissenschaft ist nicht notwendigerweise die einzige Instanz, die Sexualität vorgibt. Alternative Wege bieten sich in vielen anderen Disziplinen. Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, ihre Sexualtherapeuten und psychoanalytisch fundierten Psychotherapeuten könnten jederzeit von ihren Fehlschlüssen, diskriminierenden Behandlungen und voreingenommenen Modellen, Volkmar Sigusch nannte es den „nosomorphen Blick“ 36, ablassen. Sie könnten den Blick auf die Akzeptanz der Selbstbestimmung innerhalb der Sexualität und des Begehrens legen, sowie eine Wiedergutmachung der erwähnten Betroffenen medizinisch /psychiatrischer Behandlung anstreben und dann würde ich meine Eingangsbehauptung revidieren und sagen: Die Sexualwissenschaft bietet eine positive Entwicklung für den Menschen und stellt eine ernstzunehmende Wissenschaftlichkeit dar.

1. World Health Organization (WHO), International Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD), ICD-10-GM (german modification), Version 2010

2. Freud, Siegmund. Das Ich und das Es. Leipzig, Wien und Zürich, Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1923. — Gesammelte Werke, Bd. 13, S. 237-89.]

3. Freud, Siegmund. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Leipzig, Wien, Deuticke, 1905

4. Bundesrepublik Deutschland. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschlands Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1, 1949.

5. Outram, Dorinda. The Enlightenment, Cambridge University Press, Cambridge 1995, S. 3. 6. ICD-10-GM, Q56

7. Neugebauer, Franz Ludwig v.. Welchen Wert hat die Kenntnis des Hermaphroditismus für den praktischen Arzt? Slg. klin. Vortr., 391. - Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1905,

8. Klöppel, Ulrike. XX0XY ungelöst: Heramphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität, Transcript Verlag, Februar 2010

9. Money, John. Sex errors of the body. Dilemmas, education, counseling. - Baltimore, The Johns Hopkins Press, 1968.

10. Geoffroy Saint-Hilaire, Isidore. Ueber die Fasanenweibchen, die wie Männchen befiedert sind (Sp.113-118). Notiz. Geb. Nat. Heilk., 295. - Weimar, Landes-Industrie-Comptoir, Juni 1826, 4°

11. Rathke, Heinrich. Beobachtungen und Betrachtungen über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbeltieren, Halle, Rengerschen Verlags-Buchhandlung, 1825

12. Morgen, Clara. Wie ich lernte, dass mein Kind intersexuell ist, BZ News aus Berlin, 25. August 2013

 13. Morgen, Clara. Mein intersexuelles Kind, Transit-Verlag, 2013-12-26

14. Colapinto, John. Der Junge, der als Mädchen aufwuchs. Walter-Verlag, 2000

15. The New York Times. David Reimer, 38, Subject of the John/Joan Case, Published: May 12, 2004

16. Judith Butler: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. (am. Originaltitel: Undoing Gender, 2004) Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009

17. Böhme, Albrecht. Psychotherapie und Kastration, München, Lehmann, 1935

18. Jensch, Dr. N.. Untersuchungen an Entmannten Sittlichkeitsverbrechern, Georg Thieme Verlag Leipzig, 1944,

19. Freeman, Walter, James W. Watts und Thelma Hun. Psychochirurgie. Intelligenz, Gefühlsleben und soziales Verhalten nach praefrontaler Lobotomie bei Geistesstörungen. Deutsch von A. v. Braunmühl., Stuttgart, Wissenschaftl. Verlagsgesellschaft, 1949.

20. Scheff, Thomas J..Labeling madness, Prentice-Hall, 1975

21. Krafft-Ebing, Richard von. Psychopathia sexualis mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. Eine klinisch-forensische Studie (4., verm. und theilweise umgearbeitete Aufl.). Nachgebunden: Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia sexualis. Eine medicinisch-psychologische Studie, Stuttgart Enke, 1889/1890.

22. Moll, Albert. Das Sexualleben des Kindes, Berlin, H. Walther, 1909

23. Adler, Dr. Otto. Die mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes, Fischer's Medicin. Buchhandlung H. Kornfeld, Bln., 1904

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25. Schultze, Oskar / Hirsch, Max. Das Weib in anthropologischer und sozialer Betrachtung. Dritte Auflage, umgearbeitet und ergänzt nach sexualbiologischen und soziologischen Gesichtspunkten zu Grundlagen der Frauenkunde, Leipzig Curt Kabitzsch Verlag 1928

26. Franqué, Otto von: Zeugungsfähigkeit bei der Frau. / Zeugungsfähigkeit beim Manne. Hermaphroditsmus und Pseudohermaphrodismus. Wien, Braumüller, 1916.

27. Trauthwein, Niki. Kurzbiographie Lili Elbe, http://mh-stiftung.de/biografien/lili-elbe/

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29. Eon, Fortelle, M. de la. Das militarische, politische und Privat-Leben des Fräuleins D'Eon de Beaumont, ehemaligen Ritters D'Eon. Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt und mit einigen Zusätzen vermehrt, Frankfurt u. Leipzig, 1779.

30. Fränkel, Ludwig Julius. Vacano, Emil. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 39, Duncker & Humblot, Leipzig 1895, S. 451–454.

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